Die Faszination von Margarete Eckert-Preissers Werk ist explizit an einen inneren, selbstbestimmten Reifeprozess gebunden – nicht an einen Zeitgeist, den man bedient, sondern an eine Zeitphilosophie, die man lebt. Alte Grenzen zwischen Bild, Objekt, Raum und Klang sind für sie längst aufgelöst. Dieser Moment der Auflösung definiert ihr Werk genauso, wie ihr Werk diesen Moment definiert. mycreativity4yourlife nennt sie ihr Programm: Kreativität nicht als Selbstzweck, sondern als Gabe an das Leben anderer.
Margarete Eckert-Preisser nimmt Dinge aus der Welt – von ihren Straßen, ihren Wänden, ihren Epochen – und transformiert sie in Bedeutung und Materialität. Ihre archäologische Praxis der Straße beginnt mit dem, was auf Wänden von Städten wie Havanne, London und Hamburg hinterlassen wurde: Graffiti, die niemand als Kunst meinte, die sie aber als verborgenen Schatz erkennt und hebt. Indem sie das Beiläufige wählt und in das Kunstobjekt einbringt, vollzieht sie eine Erhöhung des Zufälligen. Es entsteht ein Kultobjekt. Die in mehreren räumlichen Ebenen aufgebauten „Enkaustik"-Arbeiten beweisen, wie Straße und Galerie, Fundstück und Bedeutungsträger zu einem Dritten verschmelzen können, das weder das eine noch das andere allein hätte sein können.
Margarete Eckert-Preisser begann in der Nähe des Bildes. Vor einem halben Jahrhundert war das Bild ihr Fundament: Fläche, Träger, Rahmen und Begrenzung zugleich. In dieser Phase – der „Süße der unbefleckten Schönheit" – gestaltete sie ästhetisch. Doch was als ästhetisches Formen begann, reifte im Laufe von Jahrzehnten zu einer Philosophie der Vergänglichkeit. In ihrer Encaustic-Arbeit, in der sie mit Wachs und Collage schichtweisen Aufbau betreibt, ist diese Reifung materiell spürbar: Das Wachs trägt seinen eigenen Zerfall schon in sich. Kein Sprung, sondern ein langsames Schärfen der Ausdrucksmittel kennzeichnet diesen Weg.
Irgendwann holt sie das Bild von der Wand. Dieser Satz – so knapp er klingt – bezeichnet die tiefste Zäsur ihres künstlerischen Lebens. Die Wand war die Begrenzung, in der Schönheit ihren Platz kannte. Indem sie das Bild ablöst, entlässt sie es in die Freiheit des Raums – und damit auch ihre eigene künstlerische Aussage. Sie gestaltet nicht mehr ästhetisch gestaltend. Sie vermittelt jetzt: Charakter und Philosophie, Dekadenz und Vergänglichkeit. Eine Wand ist seitdem für sie nur eine vorübergehende Begrenzung – so wie ein Kultobjekt nur ein temporärer Träger ist für das, was dahinterliegt.
Das „Weiße Rauschen" der Dinge – Taschen-Plastiken nach viktorianischen Grundmustern, handgeknüpfte Teppiche nach eigenen Entwürfen, Objekte, die so lange ohne tiefe Beachtung durch die Zeit gegangen sind – erhält in Margarete Eckert-Preissers Werk eine neue Bestimmung. Sie bearbeitet diese Objekte partiell zerstörerisch: nicht um sie zu vernichten, sondern um durch ihre Zerstörung sichtbar zu machen, was Schönheit wirklich ist – nämlich das, was bleibt, wenn das Makellose verschwunden ist. Die Taschen-Plastiken spiegeln Dekadenz und legen gleichsam neue Schönheitsebenen frei. Nur im Vergänglichen, im bereits dem Verfall Anheimgegebenen, erahnt man eine neue Tiefe.
Diese neuen Denk- und Gestaltungsweisen haben die Möglichkeiten ihres Werkes auf eine weitere Dimension erweitert: die des Raums als Resonanzkammer. In ihren Installationen spannen vielschichtige Fahnen einen Raum auf, der zum Klangresonator wird. Performer bewegen sich durch diesen Raum und tragen ihre Traumata und ihre Psychologie auf den Klangwellen der Musikkompositionen. Die Fahnen sind keine Bilder – sie sind Oberflächen des Reflektierens, an denen sich Charakter und Geschichte brechen. Es überrascht das Gewohnte – aber niemals sie selbst.
Margarete Eckert-Preissers Werk überspannt künstlerische Disziplinen und geographische Räume mühelos. Wer ihre Arbeiten betrachtet, versteht intuitiv die Sprache, die sie spricht – die Sprache des Zerfalls als Schönheit, der Erhöhung als künstlerischer Haltung, des Räumes als Zeit. Ihr Werk nimmt seine Inspiration aus Dingen, die ohne Blick auf eine künstlerische Verwendung entstanden sind: Graffiti-Zeichen, viktorianische Formen, die Strukturen des Alltags. Sie versteht, was in der Vergangenheit war, was in der Gegenwart zählt – und gleitet zwischen diesen Ebenen so frei, wie sie zwischen Enkaustik, Cyanotypie, Teppich und Performance gleitet. Ihr Ziel ist es, jedem den Zugang zur Tiefe zu eröffnen – nicht als Privileg, sondern als Einladung.
In den Arbeiten, die in dieser Werkschau gezeigt werden, enthüllt sich ein kleines Stück von Margarete Eckert-Preissers Welt. Es sind Arbeiten und Objekte, die entstanden sind in einem halben Jahrhundert der Beharrlichkeit: aus dem Wunsch heraus, zu verstehen, was Schönheit bedeutet, wenn sie dem Vergehen überantwortet wird – und was an ihr bleibt. Konstruktion und Inspiration: das ist der Teil der Geschichte, der Margarete Eckert-Preissers Welt zusammenhält. Nicht das fertige Bild, sondern der Mensch, der es betrachtet, gibt dem Werk seine Bedeutung. Sie weicht die Grenzen auf und bricht sie – um die Welt bereit zu machen für mehr Veränderung.